Zum Gedenken an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944: Rede der Unterbezirksvorsitzenden Antje Schulte-Schoh zum 20. Juli

 

 

Wir gedenken heute  jener Widerstandskämpfer, die am 20.Juli 1944 mit großem Mut und ohne Rücksicht auf das eigene Leben versucht haben, das millionenfach todbringende Regime unter Adolf Hitler zu beenden. Widerstandskämpfer, wie Oberst Graf von Stauffenberg und Generaloberst Ludwig Beck.

Der 20. Juli ist aber auch mit Opfern aus der Arbeiterbewegung verknüpft, hierzu gehören die bekannten Sozialdemokraten Adolf Reichwein, Julius Leber und Wilhelm Leuschner.

Vergessen wird in der Erinnerung an den 20. Juli häufig das Nachspiel des Attentats: bei der sogenannten Aktion Gewitter wurden seinerzeit etwa 6000 Regimegegner, vorwiegend aus den Arbeiterparteien, verhaftet und zum großen Teil ermordet!

Die Osnabrücker Opfer unter Ihnen wurden im Arbeitszuchtlager Augustaschacht inhaftiert Die Aktenlage der Gestapo berichtet über 39 Sozialdemokraten, 10 Gewerkschafter und 3 Kommunisten. Vom Augustaschacht wurden viele direkt ins KZ Neuengamme deportiert und verloren dort ihr Leben.

Für einige von ihnen beendete ihre Ermordung ein Martyrium, das sich schon mit der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 angekündigt hatte. Damals waren nahezu alle führenden SPD- und Gewerkschaftssekretäre verhaftet und zum Teil bestialisch ermordet worden.

 

Wir erinnern uns heute an 5 Osnabrücker Sozialdemokraten, die durch Nazi - Gewalt den Tod fanden:

Bereits 1933 starb der Fraktionsvorsitzende Gustav Haas nach Misshandlungen.

 11 Jahre später fanden Fritz Szalinsky, Heinrich Groos, Wilhelm Mentrup und Heinrich Niedergesäß den Tod im Zuge der Verfolgungen nach dem 20.Juli 1944.

Heinrich Niedergesäß wurde 1937 als ehemaliger Parteisekretär wegen Hochverrats zunächst zu anderthalb Jahren Haft verurteilt und anschließend – bis 1941 – ins KZ Buchenwald eingeliefert. 1944 wurde der gelernte Buchdrucker ins Arbeitszuchtlager Ohrbeck und von dort in das KZ Neuengamme deportiert. Sein Leiden endete unmittelbar vor Kriegsende auf einem versenkten Flüchtlingsschiff in der Lübecker Bucht.

Wilhelm Mentrup, Verwaltungsdirektor der Osnabrücker AOK starb am 03.Mai 1945, ganze 5 Tage vor Kriegsende und der Befreiung, ebenfalls auf einem Häftlingsschiff, das versenkt wurde.

 

Der ehemalige Gewerkschaftssekretär Heinrich Groos erlebte  einen schier endlosen Leidensweg. Bereits 1933 versteckte er sich vergeblich im Vehrter Naturfreundehaus vor SA und SS, um seiner ersten Verhaftung und Misshandlung zu entgehen. Auch Groos wurde nach dem 20. Juli von den Nazis nach Neuengamme verschleppt, wo er am 12.Dezember 1944 ums Leben kam.

Auch Fritz Szalinsky, ehemaliger Metallgewerkschaftssekretär, durchlebte die Stationen Ohrbeck und Neuengamme. Sein Tod erfolgt angeblich durch Herzinsuffizienz und Pleuritis. Seine Witwe erhielt mit dem Poststempel des KZs eine penibel geführte Liste mit ärztlichen Leistungen.

 

 

Seit 1996 wird im deutschen Bundestag einmal jährlich mit einer Gedenkstunde an  die Opfer und an die Gräueltaten des Nationalsozialismus gedacht.

Im Januar diesen Jahres berichtete die heute 92-jährige Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch  in einer beeindruckenden Rede wie es ihr und ihrer Familie seit der Machtübernahme durch die Nazis ergangen war. Ihre Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Sie überlebte nur, weil sie als Cellistin im Frauen- und Mädchenorchester gebraucht wurde, um am Eingangstor Märsche und für das Lagerpersonal Konzerte zu spielen.

Mit Blick auf  die heutige Zeit sagte Lasker-Wallfisch: „Man kann es der heutigen Generation nicht verübeln, dass sie sich nicht mehr mit den Verbrechen identifizieren will. Aber ein Leugnen darf nicht sein.“ Sie warnte in ihrer Ansprache vor einer Schlussstrich-Debatte und nannte den Antisemitismus einen „2000 Jahre alten Virus“, der „anscheinend unheilbar ist“. Und die TU  Berlin gibt ihr Recht: In einer Studie wird belegt, dass der Antisemitismus gerade im internet so weit verbreitet ist, wie noch nie zuvor! Täglich werden Tausende antisemitische Äußerungen gepostet, die Zahl habe sich zwischen 2007 und 2018 verdreifacht.

Anita Lasker Wallfisch ist eine der wenigen, noch lebenden  Zeitzeugen. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie das Leben in Hitlerdeutschland war und was es mit den Menschen gemacht hat. In wenigen Jahren werden nur noch Mahnmale und Aufzeichnungen von den Gräueltaten des Nationalsozialismus berichten! Die tief bewegenden, berührenden und aufrüttelnden  Gespräche mit  Zeitzeugen wird es dann nicht mehr geben!

Umso wichtiger ist es, Gedenktage wie den heutigen zu begehen, um das Vergessen unmöglich zu machen! Gedenktage, an denen wir uns an diejenigen erinnern, die mit ungeheurem Mut und ihrem eigenen Leben alles dafür getan haben, uns von der grauenhaften Naziherrschaft zu befreien! Gedenktage, die uns immer wieder mahnend an den Nationalsozialismus und seine Folgen erinnern, denn er ist mitnichten ein „Vogelschiss“ in unserer Geschichte!

Diese Tage müssen  neben dem Gedenken auch Anlass sein uns unserer Menschlichkeit, unserer Toleranz, unserer Solidarität bewusst zu werden, unserer klaren Haltung gegen Rassismus und Antisemitismus!

Das Erinnern an den Mut der Hitlerattentäter vom 20. Juli und der vielen anderen Widerstandskämpfer muss uns Mahnung und Ansporn sein, jederzeit für eine freie und demokratische Gesellschaft einzutreten und uns immer für den Frieden in einem geeinten Europa einzusetzen.